Die Geschichte des Kaffeehauses

Seit die Araber Ende des 14. Jahrhunderts den Röstprozess und das uns überlieferte schwarze Getränk erfunden hatten, verfolgte der Kaffee gleichsam eine doppelte Laufbahn: eine private und eine öffentliche. Die erste spielte sich im Familienkreis ab, die zweite wurde im Laufe der Jahre durch kulturelle und soziale Ereig­nisse geprägt.

Die ersten zwei Cafés wurden 1554 in Konstantinopel eröffnet. Da sie großen Erfolg hatten, gab es bald an allen Ecken Cafés. Die qahveh khaneh wurden auch »Weisheitsschulen« ge­nannt, denn sie waren beliebter Treffpunkt von Gelehrten und Schriftstellern, die dort unter der berauschenden Wirkung des aroma­tischen Tranks ihre kulturellen und politischen Auseinandersetzungen ausfochten. In den Cafés konnte man Musik hören, den Fabeln und Legenden der Bänkelsänger lauschen, Schach oder mancalah, eine Art Backgammon, spielen, sich unterhalten oder neue Bekannt­schaften, oft auch mit Reisenden aus fernen Ländern, schließen. Häufig wurden vor einer dampfenden Kaffeetasse wichtige Verträge ab­geschlossen. In den antiken Kaffeehäusern Konstantinopels, den Vorläufern der europäi­schen Cafés, ging es äußerst lebhaft zu, sie prägten das Bild der Stadt und waren der Anlass zum wirtschaftlichen und sozialen Auf­schwung sowie die Wiege kultureller und politischer Bewegungen. Gerade wegen ihrer Rolle als Treffpunkt der Intellektuellen, deren Tätig­keit von den Herrschern oft als revolutionäre Propaganda ausgelegt wurde, mussten die qah­veh khaneh dreimal wegen illegaler Aktivität schließen. Aber alle Verbote nützten nichts: Die Bevölkerung beachtete sie nicht, das Kaffee trinken und das ganze Drumherum gehörte zu den tief eingebürgerten Gewohnheiten, zu einem Ritus des türkischen Daseins. Als im darauffolgenden Jahrhundert auch in Europa die ersten Kaffeehäuser eröffnet wur­den, machte das türkische Modell Schule. Eini­ge phantasiereiche Händler aus dem Orient versuchten den Trank zuerst unter der Bevöl­kerung der unteren und mittleren Sozial Schichten einzuführen; sicher hatten sie dabei an die Beliebtheit des Kaffees in den arabischen Län­dern gedacht; aber nachdem weder die Stra­ßenverkäufer noch die bescheidenen Cafés den erhofften Erfolg erzielt hatten, entstanden nach und nach elegante, prunkvolle Kaffee­häuser für eine kultivierte, wohlhabende Kundschaft. So wurde in Venedig, wo man den Kaffee seit dem 17. Jahrhundert in den Botteghe delle Acque e dei Ghiacci (Wasser- und Eisläden) servierte, im Jahre 1720 das Kaffeehaus »Caffe alla Venezia Trionfante« eröffnet. Der ursprüngliche Name — vielleicht von dem Wunsch getragen, die Regierenden in der schwierigen militärischen und wirtschaftlichen Lage zu ermutigen oder sich bei ihnen beliebt zu machen – wurde später durch »Caffe Flo­rian«, den Namen seines Gründers Floriano Francesconi, ersetzt. Neben Kaffee wurden auch andere Getränke und Süßigkeiten ser­viert, den Stammgästen standen außerdem Zei­tungen und Zeitschriften für eine angenehme Lesestunde zur Verfügung. Bald wurde das Café Florian zum Mittelpunkt eines regen kul­turellen Meinungsaustausches und Treffpunkt der Geschäftsleute. Der Erfolg war dermaßen überraschend, dass innerhalb von wenigen Jah­ren auf dem Markusplatz 30 Kaffeehäuser aufmachten, aber der bedeutendste Rivale des Café Florian war und ist das Café Quadrier auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, das nur einige Jahre später eröffnet wurde.

Das älteste Wiener Lokal, wo der braune Aufguss serviert wurde, war das Gasthaus »Zur blauen Flasche«, das 1687 von einem gewissen Georg Kolschitsky ins Leben gerufen wurde, der bei der Befreiung Wiens von der Belage­rung der osmanischen Armee eine bedeutende Rolle gespielt und als Dank auch 500 Säcke Kaffee erhalten hatte, die die Feinde auf ihrer Flucht hinterlassen hatten. Da er mit den Ge­wohnheiten der Araber tief vertraut war, lernte er bald, die Bohnen zu rösten und den Aufguss zu brauen, welcher in der »Blauen Fla­sche« mit halbmondförmigem Gebäck serviert wurde, um den Sieg über die Türken auch würdig zu feiern. So entstanden die überall bekannten Kipferl. Damit bürgerte sich die typisch mitteleuropäische Gewohnheit ein, den Kaffee mit Gebäck und sonstigen Süßigkeiten anzubieten.

Das erste bedeutende Café Ende des 18. Jahr­hunderts in Paris hieß (und heißt auch heute noch) »Procope« nach seinem Gründer Procopio dei Coltelli, einem sizilianischen Edelmann. Zwar ist das »Procope« heute ein Restaurant, doch die magische Atmosphäre der ersten euro­päischen Cafés ist erhalten geblieben. Trotz der stark verwurzelten Gewohnheit der Engländer, Tee zu trinken, konnten sich auch in London zahlreiche Kaffeehäuser ansiedeln. Das erste wurde schon 1652 auf Initiative eines gewissen Pasqua Rosee gegründet.

Was aber die bekannten Kaffeehäuser im Europa des 17. Jahrhunderts verband, war der ursprüngliche Geist der Cafés von Konstanti­nopel: Der Genuss einer Tasse Kaffee war nie Selbstzweck, sondern Vorwand und Anre­gung für gesellige und kulturelle Ziele. In den Kaffeehäusern konnte man Künstler, Literaten und Politiker antreffen, bedeutende Zeitschrif­ten lesen oder Geschäftsverträge abschließen. Viele Jahre hindurch — das ganze 18. Jahrhun­dert – stellten die Kaffeehäuser Europas den Mittelpunkt des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens dar. Verloren gegangen war aber leider die mystische Atmosphäre der ersten orientalischen Cafés, eine Mischung aus Musik, Erzählungen und Legenden einer fer­nen Welt.

Das Aufleben der Kaffeehäuser war also ein eu­ropäisches Ereignis, das nicht nur rein zufällig zur Zeit der Aufklärung einen Höhepunkt er­lebte. Die Entfaltung dieser kulturellen Strö­mung liegt zwischen zwei historischen Meilen­steinen: der englischen Revolution (1688) und dem Beginn der französischen (1789). Es be­steht also eine zeitliche Übereinstimmung zwi­schen der Verbreitung der Kaffeehäuser in Eu­ropa und dem Anbruch des »Zeitalters der Vernunft«. Eine Übereinstimmung auch der Orte, denn gerade in den Kaffeehäusern wurde über Literatur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutiert.

Wahrscheinlich handelte es sich damals um eine gegenseitige Beeinflussung: Die Cafés ga­ben den Protagonisten der kulturellen Erneue­rung gleichzeitig die Gelegenheit und den Vor­wand, sich zu treffen, Meinungen und Ideen auszutauschen, Anregungen zu finden. Das neue Getränk förderte diese regen geistigen Tätigkeiten dank seiner »den angeregten Geist erweckenden Tugend«, wie Pietro Verri in der Einführung zur ersten Ausgabe der Zeitschrift geschrieben hatte, die mit demselben Namen des berauschenden Tranks benannt wurde. Il Caffe erschien vom Juni 1764 bis Mai 1766 in Mailand. Herausgeber war Pietro Verri, Mitar­beiter sein Bruder Alessandro, Cesare Beccaria und zahlreiche andere Intellektuelle jener Zeit, die alle Mitglieder der Accademia dei Pugni (Akademie der Fäuste) waren.

Der Titel dieser Zeitschrift war an und für sich schon eine Provokation, ganz das Gegenteil zu den pompösen Namen der akademischen Blätter jener turbulenten Zeit. Die Artikel verbar­gen hinter scheinbar harmlosen Gesprächen von Kaffeehändlern in Mailänder Cafés kultu­relle und vor allem politische Themen wie die Analyse der zeitgenössischen Moral, die Ethik im Handel und Auseinandersetzungen mit der italienischen Literatur.

Die wohltuende Wirkung des Kaffees auf Geist und Verstand musste wohl auch Voltaire, einer der Hauptfiguren der französischen Aufklä­rung, bekannt sein; man erzählte sich damals, er hätte bis zu fünfzig Tassen Kaffee am Tag ge­trunken. In jener so bedeutsamen Zeit für die gesellschaftliche und kulturelle Weiterent­wicklung stellte der Kaffee nicht nur eine genüssliche Befriedigung für den Gaumen dar, sondern wirkte auch anregend auf die frei­heitsliebenden Geister jenes Zeitalters.

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