Die historischen Cafes

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts über­nahmen die Cafés verstärkt die Rolle literari­scher und kultureller Zirkel. Die bekanntesten in Italien waren der »Circolo Aragno« in Rom, der »Circolo Michelangelo« in Florenz und der »Circolo Fiorio« in Turin, aber in allen italienischen und europäischen Städten gab es diese Kulturtreffs.

Viele hatten im Laufe der Jahrhunderte ihren Prunk und ihre kulturelle Zweckbestimmung beibehalten, vor allem in Italien, was eigentlich als Bestätigung für die Vorliebe dieses Landes für das schwarze Getränk ausgelegt werden könnte. In Italien gibt es vielleicht heute noch die größte Anzahl historischer Cafés. Um nur einige zu nennen: das Cafe Greco und das Aragno in Rom, das Gambrinus in Neapel, in Flo­renz das Café Giubbe Rosse und das Gilli, in Venedig Florian und Quadri, in Padua das Cafe Pedrocchi, in Triest das Tommaseo und das San Marco, in Turin das Platti, das San Carlo, das Fiorio, Baratti und Milano. Sie zeu­gen von der Vergangenheit und der Rolle der Kaffeehäuser und somit des Kaffees in der ge­sellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturel­len Entwicklung; auch heute noch gelten sie als Treffpunkt der internationalen Gesellschaft. In einigen Kaffeehäusern werden Debatten ge­führt und Tagungen organisiert oder auch Konzerte in der besten französischen Tradition des Café chantant abgehalten. Phantasiereiche Legenden umhüllen das be­rühmteste und älteste unter den italienischen Kaffeehäusern, das venezianische Cafe Flo­rian (1720). Man findet es direkt am Markusplatz unter den Laubengängen der Procuratie Nuove; in vielen kleinen Sälen, die eigene Namen tragen (saletta »cinese«, »greca«, »dei quadri«, »del Senato«) und von denen einer nach langen Restaurierungsarbeiten jetzt wie­der dem Publikum zugänglich gemacht wurde, kann man einen kleinen Espresso genießen. An den Wänden kann man Fresken, Malereien und goldene Einlegearbeiten bewundern; die Holz- und Marmortischchen und die Stühle, auf denen Casanova, Parini, D’Annunzio, Goethe, Dickens, Proust und viele andere berühmte Leute gesessen haben, sind noch be­stens erhalten. Hier wurden nach dem Jahre 1760 mehrere Zeitschriften gegründet, darun­ter auch die »Gazzetta Veneta« von Gaspare Gozzi. Der eigentlich so einfache Ritus des Kaffeetrinkens erlangt hier besondere Feier­lichkeit und Würde. Vielleicht ist es auch die herrliche Ausstattung der Säle oder das über­wältigende, einzigartige Gefühl, an den klei­nen Tischchen auf dem Markusplatz zu sitzen und bequem die Paläste und die Basilika zu be­wundern.

Das römische Cafe Greco wurde in der Via Condotti, wenige Schritte von der Piazza di Spagna entfernt, nur wenige Jahre später als das Café Florian eröffnet. Die unscheinbare Fassade des Gebäudes birgt ein weitläufiges, in viele kleine Säle unterteiltes Lokal, die durch einen engen Gang miteinander verbunden sind. Der »rote Saal« ist für wichtige Persön­lichkeiten reserviert. Auch die Wände des Cafe Greco sind mit kostbaren Gemälden -darunter Werke von Vincenzo Giovannini — und Statuen und Figuren ausgeschmückt; es gibt sogar eine Bibliothek mit antiken Bänden und Dokumenten. Die Liste der berühmten Gäste des Cafés ist zu lang, um alle aufzuzäh­len. Neben Literaten und Künstlern waren hier Könige und Herrscher zu Gast, wie Ludwig I. von Bayern und Konstantin von Griechen­land, Staatsmänner wie Präsident Kennedy und Mitterrand und sogar ein Papst, Leo XIII. Auch heute kann man dort Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben oder der Theater­welt begegnen.

Das Cafe Pedrocchi in Padua ist jünger als das Florian und das Greco: Es wurde 1831 von Antonio Pedrocchi, der von seinem Vater einen alten, bescheidenen Kaffeeladen übernommen hatte, eröffnet. Pläne und Entwurf stammen von dem venezianischen Architekten Giuseppe Jappelli. Das Café Pedrocchi, das vor kurzem vollständig renoviert wurde, um den Marmor­böden und den Wänden den alten Glanz wieder zu verleihen, gilt heutzutage als »Tempel« der Kaffeewelt. Am Eingang wachen Löwenstatuen aus Naturstein über die Gäste, die im Sommer im Freien vor dem Cafe sitzen; im Inneren des Erdgeschosses befindet sich der Hauptsaal, wo man an einer behauenen Marmortheke genüsslich Kaffee trinken kann. Im Obergeschoß hegen etwa zehn verschiedenartig dekorierte Säle, wo man sich im Winter gemütlich an die kleinen Tische setzen kann. Das Cafe Pedrocchi ist eine Mischung verschiedener architekto­nischer Stilarten, die vielleicht etwas gewagt sein mag, aber durchaus einen angenehmen Eindruck erweckt. Man sollte sich Zeit neh­men, um sich die Säle in aller Ruhe anzusehen. Um den Ansprüchen und Bedürfnissen einer heterogenen Kundschaft von Touristen und im Zentrum arbeitenden Stadtbewohnern entge­gen zu kommen, hat der Geschäftsführer des Pedrocchi beschlossen, eine besondere Theke für eilige Kunden einzurichten und die prunk­vollen antiken Säle anspruchsvollem Publikum vorzubehalten. Diese Form könnte als Beispiel für die moderne Entwicklung des historischen Cafés gelten.

Die Beliebtheit der Kaffeehäuser ist seit Jahr­hunderten ungebrochen, so dass man um ihre Zukunft nicht zu bangen braucht. Wenn auch der Besuch einiger dieser Cafés den Eindruck eines Museumsbesuchs erwecken kann, da den Fresken an den Wänden weitaus mehr Auf­merksamkeit gewidmet wird als der Qualität der Getränke, so gibt es doch viele andere, in die man mit der Absicht eintritt, das Produkt zu genießen, das seit Jahren die Berühmtheit des Lokals unterstützt: eine heiße Wiener Scho­kolade, einen Modeaperitif, einen besonderen Espresso. Von längst vergangenen Zeiten, als man in den prunkvollen, mit Stuckarbeiten und Spiegeln geschmückten Sälen hohe geistliche Herren und gekrönte Häupter antreffen konnte, über jüngere Zeiten, in denen Wissen­schaftler und Bohemiens an den Marmortischchen exklusive Kreise gründeten, kommt man auf unsere Tage und entdeckt, dass sich in den Kaffeehäusern ein kunterbuntes Leben ab­spielt: Man spielt Karten, Schach, Billard; man lernt, trifft sich mit Freunden, führt geschäft­liche Verhandlungen, Auch dem Alltag lassen sich so angenehme Seiten abgewinnen.

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